Grandmaman russe – Dass sie aus Russland stammte, erfuhr ich als Erstes, schon als Kleinkind; dass sie schizophren war, etwas später, im Volksschulalter; dass ich eine jüdische Großmutter habe und folglich Vierteljude bin, erfuhr ich zuallerletzt, als wär’s das Schlimmste. Grandmaman russe – Phantom und Phantasma meiner Kindheit.
So viel habe ich schon in Brachland erzählt, aus der Kinderperspektive. Was aber ist aus mei- ner russisch jüdischen Familie geworden, aus den Saizeffs? Ein russischer Allerweltsname, der »Hase« bedeutet, nicht spezifisch jüdisch. Was bleibt? fragte ich mich, auf meiner eigenen Grabkiste sitzend im blühenden Gärtchen.
Rochles Krankenakte habe ich gefunden, im Staatsarchiv Liestal. Rochle ist jiddisch und heißt Rahel. Den Wahnsinn des Weltkriegs und den Irrsinn der (restlosen) Vernichtung des Ostju- dentums hat meine Großmutter im schweizerischen Irrenhaus überlebt – verstoßen aus dem Schtetl von ihrer Familie, weil sie einen Nichtjuden geheiratet hatte, verstoßen von ihrem Mann aus dem Kaff, weil sie wahnsinnig wurde.
Eine Heimkehr? Unmöglich. Gefangen – und gerettet! – im Gruselkabinett der Irren-Ärzte. Eu- geniker alle, Rassehygieniker, Apostel der Volksgesundheit. Außerdem Ameisenforscher. Ge- funden habe ich weitere Phantome, keine neue Familiengeschichte, keine Überlebenden. Meine andere Familie ist nicht mehr, spurlos. Ihre Geschichte ist Bestandteil des Kollektivschicksals, das ich – anstelle der individuellen Familienchronik – nachzuvollziehen versucht habe. Medea aus Jiddischland; oder: vom Einzelschicksal zur Endlösung.
Was bleibt, ist eine ohnmächtige Wut. Und – vielleicht – die Groteske als Lösung.